Montag, 24. März 2014
Warum ist das nicht so schön, wie ich dachte?
Es gibt Dinge im Leben, die sind in meiner Vorstellung immer toller als in der Realität.
Also, zum Beispiel bin ich in meiner Vorstellung ein sehr abenteuerlustiger Mensch. Als ich dann einmal bei starkem Gewitter in einem Zweipersonenzelt am Bodensee kampierte verflog die Abenteuerlust sehr schnell wieder. Erstens spürte ich eine mittelschwere Panikattacke in mir aufkeimen, zweitens war am nächsten Morgen alles klamm und unbequem und doof und irgendwie schmuddelig. Zelten geht demnach zwar schon, aber nur bei optimalen Wetterbedingungen. Bei niederschlagsfreiem Hochsommer mit garantierter Abkühlung der Umgebungsluft auf ca. 19,5 Grad zur Nachtzeit.
Ein weiteres Zelterlebnis, an das ich mich erinnere, brachte von den metereologischen Grundbedingungen her alles mit. Aber auf dem Nachbarzeltplatz fand das jährliche Sommerfest mit eigens für diesen Anlass engagiertem DJ statt. Ich feiere ja selbst recht gerne und schwinge auch das Tanzbein hin und wieder. Wenn ich selbst aber gerade in meinem Schlafsack auf einer nicht optimal aufgepumpten Luftmatratze liege und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit spätestens um 07.00 Uhr morgens wieder geweckt werde, kann ich mich nicht an der Musik erfreuen, die mir durch die laue Sommernacht ins Zelt getragen wird. In solchen Momenten liebt man den DJ nicht, man möchte ihn töten.
In dieser Nacht wurde dieses Verlangen von jeder Ankündigung des DJ's, dass er "jetzt noch einen" für die Partygäste hätte, weiter angeheizt. Zumal ein solches Intro meiner unmaßgeblichen Meinung nach die Ansage impliziert, dass danach Schluss ist. Weit gefehlt. Es ging die halbe Nacht so weiter.

Bei Musikveranstaltungen mit Übernachtung im Zelt muss ich an weiteres Erlebnis meiner Jugend denken, das in meiner Vorstellung immer sehr cool war. Bis ich selbst zu "Rock am Ring" gefahren bin. Auch dort war es irgendwie unbequem, schmuddelig und klamm. Hinzu kam, dass mir die Hälfte der Bands, die dort auftraten, völlig unbekannt war.

Motorradfahren habe ich mir immer sehr entspannt und wild und frei vorgestellt. Dann habe ich den Motorradführerschein gemacht, hatte Angst vor jeder Kurve und dachte die ganze Zeit nur "Bitte, kein Rollsplitt! Bitte, kein Rollsplitt!". Seitdem bin ich Sozia. Die Tatsache, dass ich mein Leben lieber in die Hände eines anderen lege als selber den Lenker in die Hand zu nehmen, sagt sicherlich einiges über meinen Charakter aus...

Ich würde gerne richtig tanzen können. Aber dazu muss man erstmal die Schritte lernen. Beim Schultanzkurs wurde mir klar, dass meine Auge-Ohr-Bein-Koordinationsfähigkeit nur rudimentär ausgebildet ist. Als ich als junges Mädchen in einer Disco war, stellte ein damaliger guter Freund von mir fest, dass ich "wie ein Junkie auf Entzug" tanze.
Wobei der Solo-Discotanz eher in die Kategorie "Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung" fällt. Denn auch heute noch hält mich das damalige Urteil nicht davon ab, auf diversen Ü30-Parties die übrigen Beteiligten mit einem Turkey zu verunsichern. Ich selbst fühle mich dabei extrem gut. Das ist also eine der Sachen, die ich mir nicht nur toll vorstelle, sondern die sich tatsächlich auch toll anfühlen, anscheinend aber nicht besonders toll aussehen. Die anderen können ja weggucken.

Eine Sache, bei der ich nicht nur doof aussehe, sondern mich auch noch doof fühle, ist das Reiten. Bevor ich zum ersten Mal auf einem Pferd saß dachte ich, dass das vom Freiheitsgefühl her noch besser als Motorradfahren sein müsse. Als ich dann auf dem Pferderücken saß war es nur ruckelig und unbequem. Für das Pferd vermutlich auch. Wir haben das dann ganz schnell wieder gelassen.

Champagner habe ich mir als Jugendliche immer extrem lecker vorgestellt. Ich wurde in einer Umgebung groß in der man nur den Menschen im Fernsehen dabei zusieht, wie sie Champagner trinken. Dabei machen sie immer einen so verzückten Gesichtsausdruck, dass ich Jahre lang dachte das Zeug müsse unfassbar gut schmecken. Bis zum Tag meines Schulabschlusses. Meine Mutter hatte zu diesem Anlass extra eine Flasche Champagner besorgt. Nicht, weil es so unwahrscheinlich ist, dass ein Mensch wie ich dazu in der Lage ist einen Schulabschluss zu machen, sondern damit wir gebührend anstoßen konnten. Es schmeckte widerlich. Die Idee, das Gesöff mit Süßstoff zu optimieren, stammte aber nicht von mir sondern von meiner Mutter.

Eigentlich gibt es nur eine Sache die tatsächlich so ist, wie alle anderen immer sagen. Es ist wirklich so mühsam und schmerzhaft. Und man vergisst den Schmerz wahrhaftig sofort wieder, wenn es vorbei ist. Aber deshalb kann ich ja nicht immer weiter Kinder kriegen.

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